„Ach, ach…“ – eine beeindruckende Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“

Am 14. und 15. Mai 2018 inszenierte der Literaturkurs von Frau Ebel nach langen Proben und Probenwochenenden endlich seine Interpretation von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“.

In der Erzählung leidet Nathanael seit seiner Kindheit unter seiner Angst vor dem Sandmann, den er mit Coppelius gleichsetzt, der mit Nathanaels Vater alchemistische Experimente durchführt und Kindern ihre Augen klauen soll. Bei einem dieser Experimente stirbt der Vater. Als Erwachsener glaubt Nathanael Coppelius wiederzusehen und verfällt in Panik. Auch seine Verlobte Clara kann ihn nicht beruhigen. Währenddessen begegnet Nathaniel Olimpia, die von Professor Spalanzani als dessen Tochter ausgegeben wird. Tatsächlich jedoch hat Spalanzani sie erschaffen. Nathanael ist von Olimpias Schönheit geblendet und verliebt sich in sie. Nach einem Ball beschließt Nathanael, Olimpia einen Heiratsantrag zu machen. Zufällig gerät Nathanael jedoch in einen Kampf zwischen Spalanzani und Coppola, einem Händler, in dessen Verlauf Olimpia zerstückelt wird. Nathanael erkennt Olimpia nun als Holzpuppe und verfällt dem Wahnsinn.
Eine unbestimmte Zeit später scheint Nathanael geheilt, er will Clara heiraten und mit ihr auf das Land ziehen. Ein letztes Mal steigen sie auf den Turm, um die Aussicht zu genießen.
Doch Nathanael hat einen Rückfall und versucht in seinem Wahnsinn, Clara von dem Turm hinunterstoßen. Schließlich stürzt Nathanael selbst in den Tod. Nach einem Zeitsprung sieht man Clara, die mit Simon, dem besten Freund Nathanaels, doch noch ihr Glück gefunden, ihn geheiratet und Kinder bekommen hat. Als jedoch das Gespräch auf den Sandmann, das Schreckgespinst aus Nathanaels Kindheit, kommt, scheint sich die Geschichte wiederholen zu wollen.

Sanfte Cellomusik leitete die Zuschauer in das düstere Geschehen auf der Bühne des Theaterkellers des Gutenberg-Gymnasiums ein. Doch schon bald wurde durch die blanke Angst, die in den Augen des jungen Nathanael (gespielt von Felicitas Hecker) zu sehen war, deutlich, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste. Souverän lenkte Juliane Mödder als erwachsener Nathanael durch die Handlung, indem sie erzählte, was ihr bzw. Nathanael in der Kindheit mit dem vermeintlichen Sandmann widerfahren war.
Der Sandmann bzw. Coppelius (gespielt von Theys Carstensen) wendete gegenüber Nathanaels Vater und auch gegen Olimpia Gewalt an, die auf der Bühne nur indirekt durch Schattenspiele eindrucksvoll dargestellt wurde. Yvonne Wenzel spielte die Olimpia und bewies absolute Körperbeherrschung, als sie minutenlang wie eine Spieluhrenfigur auf der Bühne agierte.
Auch wenn sie und Lea Weyl, die die zweite Puppe spielte, mit „Ach, ach…“ den wohl am wenigsten umfangreichen Text hatten, spielten sie ihre Rollen absolut überzeugend. Kaum wiederzuerkennen war Maike Thominski als Professor Spalanzani, den Schöpfer Olimpias, den sie beeindruckend interpretierte.

Durch den Einsatz eines Stroboskops wurden die wahnsinnigen Erscheinungen des erwachsenen Nathanaels gekonnt deutlich gemacht. Und auch das eher minimalistisch gestaltete Bühnenbild und –arrangement spiegelten die düstere und angstgeprägte Atmosphäre des Stückes wieder.

Zwei in sich ruhende Rollen spielten Luisa Meuter als Clara und Daniel Kosinkin als Simon. Doch auch sie schafften es in der letzten Szene, als sie ihren Kindern (gespielt von Felicitas Hecker und Kerstin Weidenfeld) versehentlich vom Sandmann erzählten, eine weitere düstere Vorausdeutung zu schaffen.

Auch wenn sonst auf der Bühne des Gutenberg-Gymnasiums eher heitere Stücke gespielt werden, gelang es dem jungen Ensemble durch ein starkes emotionales Spiel, das Publikum vom ersten Augenblick an in seinen Bann zu ziehen.

Wir gratulieren dem Literaturkurs und Frau Ebel zu dem Wagnis, den doch etwas schweren „Sandmann“ aufzuführen und beglückwünschen alle Beteiligten zu dieser gelungenen Interpretation und Inszenierung!

A. Gregor