Deutsch-LK besucht Lesung des Autors Thomas Raab: „Still – Chronik eines Mörders“

Nachdem die Vorgaben des Zentralabiturs mehrere Jahre lang genau festgeschrieben hatten, was im Unterricht des Faches Deutsch gelesen werden durfte, erlaubten die aktuellen Umstellungen bezüglich der Lehrpläne in diesem Jahr zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einige Freiheiten bezüglich der Lektüreauswahl. Mein Leistungskurs Deutsch (Q2) wusste dies zu nutzen: Mit den sehr engagierten jungen Buchhändlern von „Wortreich“ in Kerpen-Horrem vereinbarten sie einen abendlichen Termin, um sich zwanzig aktuelle Romane vorstellen zu lassen. Gemeinsam entschied sich der Kurs, den 2015 erschienenen Roman „Still – Chronik eines Mörders“ des österreichischen Autors Thomas Raab zu lesen. Natürlich gibt es zu diesem gerade erst erschienen Buch noch keinerlei Unterrichtsmodelle. Also musste der Kurs selbst ran: Wie gehen wir vor? Welche Aspekte möchten wir thematisieren? Mit viel Enthusiasmus und sehr strukturiert plante der Leistungskurs die eigene Unterrichtsreihe und führte sie dann mit meiner Hilfestellung durch. Schließlich wurde die Klausur geschrieben, die mit einem erfreulichen Ergebnis belegte, dass eine intensive Auseinandersetzung mit dem ausgewählten Roman stattgefunden hatte. Ein „Sahnehäubchen“ gab es dann noch obendrauf: Zufällig hatte „Wortreich“ genau diesen Autor, Thomas Raab, für den Oktober zu einer Lesung eingeladen. Und so wurde eine kleine Delegation beauftragt, mitten in den Herbstferien etwas für den Kurs zu tun: Ausgestattet mit einer langen Liste von Fragen an Raab, machten sich Franziska Stauten, Leonie Metz, Janina Schmitz und Anika Malzkorn auf den Weg, um den Schriftsteller persönlich kennenzulernen und über einige Aspekte des Romans mit ihm zu diskutieren. Bei Nieselregen und nächtlich anmutender Dunkelheit wirkte das hell erleuchtete Ladenlokal der Buchhandlung besonders einladend. Nachdem der Autor vorgestellt worden war, begann er das Publikum schnell in seinen Bann zu ziehen. Wer eine mehr oder weniger monotone „Vorlesung“ im eigentlichen Sinne erwartet hatte, wurde aufs Angenehmste überrascht: Raab erzählte, wie er während eines Urlaubs auf die Grundidee gekommen war, über einen Menschen zu schreiben, der nicht spricht, aber alles hört, was andere über ihn sagen. Der Autor berichtete über seine Beziehung zu seiner Kunstfigur Karl Heidemann und wie es ist, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der einem eigentlich zutiefst unsympathisch ist. Dennoch den Leser mitfühlen zu lassen, warum Karl zum Mörder wird, was ihn antreibt, ist eine Kunst, die Thomas Raab in seinem Roman hervorragend gelungen ist. Nachdem die eigentliche Lesung beendet war, fand Raab auf seine angenehm bissige und humorvolle Art schnell das Gespräch mit dem Publikum. Auf die Frage, warum er „so was“ schreibe, also einen Roman über einen Massenmörder, antwortete er lächelnd mit der Gegenfrage, warum man denn „so was“ lese. Der Autor beantwortete Fragen der Schülerinnen und anderer Zuhörer ernsthaft und reflektiert. Dass ein Leistungskurs Deutsch seinen Roman „Still“ unter vielen anderen Gegenwartsromanen als Lektüre ausgewählt hatte, fand er „großartig“ und man hatte das Gefühl, dass er sich wirklich freute über das Interesse der jungen Leser und Leserinnen.

G.Jeckel