Erlebte Geschichte – Zeitzeuge berichtet am GuGy über Kurt Gerstein: Widerstand in SS-Uniform

Am 28.02.2013 erinnerte der Mönchengladbacher Zeitzeuge Hans-Georg Hollweg mit seinem Vortrag: „Kurt Gerstein – Widerstand in SS-Uniform“ Schüler und Schülerinnen des Gutenberg – Gymnasiums in Bergheim an das tragische Schicksal des „Spion Gottes“. In seinem Vortrag zeichnet Hans-Georg Hollweg den Lebensweg Kurt Gersteins einfühlsam nach. Als Kind lernt Hollweg Kurt Gerstein in seinem christlich geprägten Elternhaus kennen, seine Eltern waren mit Kurt Gerstein befreundet. Hollweg geht in seinem Vortrag der Frage nach wie ein Obersturmführer der SS ein Mann des Widerstandes gegen das Nazi-Regime sein konnte.

Der 1905 geborene Gerstein war in die SS eingetreten, um das Grauen der Konzentrationslager selbst in Augenschein zu nehmen: „Er war überzeugt davon, dass man in das Innere des Nazi-Regimes dringen muss, um die Welt davon in Kenntnis zu setzen“ (Hollweg). Die Ermordung von Geisteskranken, darunter befand sich eine Verwandte Gersteins, löste seinen Entschluss aus, ins Zentrum des Nazi-Regimes vordringen zu wollen, er trat in die SS ein. Mit Augenzeugenberichten wollte Gerstein, Mitglied der Bekennenden Kirche, die Öffentlichkeit über die Gräueltaten in den Konzentrationslagern aufklären. Als Hygienefachmann der Waffen-SS wurde er 1942 Augenzeuge der Erprobung von Massenmorden mit Motorabgasen in den Vernichtungslagern von Belzec und Treblinka. Weder bei den Kirchen noch bei den ausländischen Politikern und Diplomaten fanden seine Berichte Gehör. Der sogenannte Gersteinbericht des „Spion Gottes“ wurde im Nürnberger Prozess als Beleg für Liefermengen von Zyklon B für Auschwitz erwähnt. Hollweg stand als Junge ständig mit Gerstein in Kontakt und hat dessen Berichte und Informationen an die Bekennende Kirche im Rheinland weitergeleitet und lebte deshalb viele Jahre in ständiger Angst – zumal er Juden, die seine Eltern versteckt hatten, regelmäßig mit Nahrung versorgte. Dass diese Geschehnisse bis heute unauslöschliche Spuren hinterlassen haben, das konnten die Schüler und Schülerinnen des Zusatzkurses Geschichte,Q2/13, dem bewegendem Vortrag Herrn Hollwegs entnehmen. Die anschließende Diskussion kreiste um Gersteins widersprüchliche Rolle als Bekennender Christ in SS-Uniform, der gewonnene Information gegen das NS- Regime benutzt – gleichzeitig auch als Mittäter gesehen werden könnte, weil er sein Fachwissen weitergab, um Massenmordmethoden zu „verbessern“. Herr Hollweg betonte, dass vor allem sein Elternhaus und sein christlicher Glaube ihm immer die nötige Kraft gegeben hätten, diese gefährlichen Zeiten zu überstehen. Noch heute sei er seinen Eltern dankbar, von ihnen habe er gelernt: „Nicht weggucken, wenn Menschen Unrecht geschieht, sondern den Mund aufmachen und klug und überlegt handeln!“ Tief beeindruckt applaudieren alle Schülerinnen und Schüler, Michelle Wiese bedankt sich im Namen des Kurses.

Norbert Junge, Kursleiter