Pflegeleichter als gedacht – eine Woche mit der chinesischen Gastschülerin

China. Asien. Ziemlich weit weg.

Das ist es wohl, was die meisten deutschen Schüler zu diesem fremden Land sagen würden.

Aber was denken chinesische Schüler über Deutschland? Was halten sie von den Traditionen, Gewohnheiten und Klischees hierzulande?

Wir sollten es bald herausfinden.

Schließlich sollte von Dienstagabend an einer dieser „kleinen, gelben Menschen“ für eine Woche bei uns, zwölf Schülern und Schülerinnen des Gutenberg-Gymnasiums, wohnen. Bei uns essen, schlafen und gemeinsam mit uns zur Schule gehen.

Das Essen stellte bereits das erste Problem dar.

Denn wer dies nicht weiß: Milchprodukte sind in Asien (besonders in China) so eine Sache und einem unverträglichen Chinesen dann einen Becher Milch hinzustellen wäre zumindest bei manchen der Gastschüler keine so gute Idee gewesen.

Ernähren ließen sie sich dann trotzdem, auch wenn sie das „typisch deutsche“ Essen in Köln im Brauhaus mit etwa so großer Begeisterung musterten, wie wir ein Jahr zuvor die Hühnerfüße in China.

Das Schlafen war dann auch prompt das zweite Problem und auch das, worunter ich persönlich weitaus mehr litt.

Zeitverschiebung. China liegt, was die Zeitzonen betrifft, zwar sechs Stunden vor uns, das bedeutet allerdings nicht, dass sie dann tatsächlich müde sind, wenn es für uns Deutsche langsam Zeit wurde schlafen zu gehen, um nicht am nächsten Tag völlig gerädert den Lehrer anzustarren und ihm zu erklären, dass 2×2 eindeutig 5 ergibt. Nein, vielmehr bedeutete es, dass sie ihren Tiefpunkt um genau diese Uhrzeit perfekt überwunden hatten und sich aufführten, als habe man ihnen kürzlich eine erhöhte Dosis Koffein verpasst.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur berichten, dass meine Austauschpartnerin mein Bett um 1 Uhr morgens jedenfalls sehr viel bequemer fand als ihr eigenes.

Nun, zumindest bewies das, dass der Gesprächsstoff nicht zur Neige ging. Die englische Verständigung funktionierte ganz gut, sobald man sich einmal an den etwas eigenen Akzent gewöhnt hatte.

Und worüber man mit Chinesen so redet? Tja, eigentlich alles Mögliche. Schule, Klamotten, Lieblingsbands und Filme. Und natürlich: Jungs! Denn dafür konnten sich zumindest die weiblichen Besucher ziemlich begeistern und sobald man ihnen zu einem Foto mit einem großen, blonden Europäer verhalf, war man auch schon ihr Held des Tages.

Also, eigentlich alles nicht wirklich anders als bei der besten Freundin.

Nun zum letzten Punkt. Schule.

Hier spiegelte sich dann doch der Unterschied in der Erziehung wieder. Keiner der deutschen Schüler wäre schließlich auf die Idee gekommen die Schule als „niedlich“ zu bezeichnen. Wenn man allerdings den harten Alltag an einer chinesischen Schule gewöhnt ist, wo der Unterricht an manchen Tagen erst nach zwölf Stunden endet, so kann man den ausländischen Besuchern ihre Naivität wohl noch gerade einmal so verzeihen.

Und wer sich nun Gedanken macht, um schwierige Austauschschüler, wie man das schon bei anderen Gelegenheiten zu hören bekommt, so sind die Chinesen da wirklich pflegeleicht. Sie nicken zu allem was man sagt, ob sie es nun verstanden haben oder nicht, und brabbeln den lieben langen Tag herunter, wie unglaublich nett und attraktiv alle Deutschen doch wären.

Freundlich und Ego-stärkend also allemal. Nur ausruhen war halt nicht. Das Programm ließ einen selten vor 20 Uhr nach Hause gekommen und wie bereits gesagt schienen die Besucher nur dann müde zu sein, wenn man selbst es absolut nicht gebrauchen konnte. Geduld brauchte man wohl auch, denn Shoppen mit Chinesen ist anstrengend und ich kann jedem, der nicht gerne zwei Stunden im selben Laden verbringt, nur stark davon abraten.

Denn so lange brauchen sie, wenn sie sich erst einmal für ein europäisches Produkt begeistert haben. Hoch im Kurs stehen dabei sämtliche Formen von Make-up, die in chinesischen Schulen verboten und hier um einiges preiswerter sind. Außerdem kurze Klamotten (ebenfalls verboten), genauso wie nicht gestattete Highheels (auf denen das Shoppen dann dankenswerterweise deutlich schwerer viel).

Und wer jetzt nicht glaubt, dass man eine geschlagene Stunde darauf verwenden kann, Schokolade zu kaufen, den kann ich jetzt – Dank meiner Erfahrung mit den Chinesen- eines Besseren belehren.

Wer jedoch eine Menge Geduld und ein gutes Durchhaltevermögen hat, was das Auskommen ohne Schlaf betrifft, dem kann ich diesen Austausch nur wärmstens ans Herz legen.

Man lernt eine Menge über die unterschiedlichen Lebensweisen und Kulturen und freundlich sind die Chinesen auf alle Fälle.

Denn das ist es, was ich gelernt habe: Vielleicht ist die Erziehung ganz anders, vielleicht essen sie anders und schlafen auch weniger, aber im Grunde sind es auch nur ganz normale Teenager, die dieselben Wünsche und Träume haben wie wir und mit denen man eine Menge Spaß haben kann.

Ich jedenfalls werde das Angebot meiner Chinesin, sie doch nächstes Jahr außerhalb der Schule noch einmal zu besuchen, keinesfalls ausschlagen. Wofür sammelt man schließlich internationale Freunde?

Lea Baumgarten