„Piep, piep…“ – und wieder eine Abbuchung von deiner LifeCard…

Der GuGy-Markt, ein Ort, an dem sich Jung und Alt, scheinbar Normal und Verrückt, Verzweifelt und Von-Sich-Überzeugt treffen. Ein Ort, an dem der Kassierer unfreiwillig die Schicksale seiner Kunden verfolgt und verpasste Gelegenheiten von der LifeCard abbucht, bis diese irgendwann leer ist.

Der Q1-Literatur-Kurs von Frau Ebel hat sich in diesem Schuljahr dem scheinbar oberflächlichen Stück „Hysterikon“ von Ingrid Lausund gewidmet und selbst geschriebene Szenen ergänzt. Herausgekommen ist „24/7“, eine Anspielung auf die Rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten des GuGy-Marktes, in dem Kassierer Müller, gespielt von Jan Lotz, nicht nur Abbuchungen vom Konto, sondern auch von der LifeCard der Kunden vornimmt. In den vielen Rollen, die die jungen Schauspieler übernommen haben, konnten sich die Zuschauer im Theaterkeller des Gutenberg-Gymnasiums immer wieder selbst erkennen oder die Gefühle der Figuren in sich selbst nachvollziehen. Zum Beispiel Lina Wagner (gespielt von Maren Göres) oder Julia Meier (gespielt von Joy Willkomm), die beide mit ihrem Leben hadern. Die eine, Lina, ist völlig unentschlossen, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie sucht ihre Identität, die nicht eindeutig deutsch, aber auch nicht jamaikanisch ist, und stellt resigniert fest: Noch nicht einmal ihre Haut ist eindeutig weiß oder schwarz. Die andere, Julia, steckt fest. Seit der Schulzeit ist sie in Wolfgang (Niklas Nobis) verliebt, der sich aber für Susanne (Valeria Moraru) entschieden hat, auch wenn er es mit der Treue nicht so genau nimmt. Julia kann sich von ihrer – recht einseitigen – Jugendliebe nicht lösen und zieht sogar in Wolfgangs Nähe, um ihm – unter Depressionen leidend – immer wieder zu begegnen. Wie passend, dass sie sich ausgerechnet für die Ausbildung zur Bestatterin entschieden hat.

Aber es gibt auch die anderen. Die, denen es offensichtlich gut geht. Das sind zum Beispiel Alexander von Gutenberg (Louis Brodnike) und Sophia von Bismarck (Dana Kaiser). Sie sind reich und die Welt liegt ihnen zu Füßen. Aber sind sie wirklich glücklich? Sara (ohne Nachnamen, gespielt von Isabel Bruns) und Tatjana Swarowski (Laura Scholl) scheinen noch am ehesten in sich zu ruhen. Das Leben liegt noch vor ihnen, aber sie haben schon Vorstellungen, wie es sich gestalten soll. Ob sie in ein paar Jahren genau so frustriert sein werden wie Lina, deren Pläne sich nicht verwirklichen wollen?

Beängstigend und zugleich sehr unterhaltsam war die Darstellung der Figuren Dominik Hengst (Bianca Papke) und des Paranoiden Pascal (Robin Schlang). Dominik hatte wohl eine schwere Kindheit, ist es da nicht zu verzeihen, dass er seine untreue Freundin bestrafen musste? Ihre LifeCard ließ er ablaufen. Und der Paranoide? Ist er paranoid oder hat er vielleicht sogar Recht, wenn er von allgemeiner Überwachung spricht? Nicht nur dem „24/7“-Universum, sondern auch den Zuschauern des Stückes macht er letzten Endes den Vorwurf, dass sie alle Marionetten des Staates seien. Und so versteckt er die Chips im GuGy-Markt, damit er sie später kaufen kann, und beschwert sich über die Tomaten in der Dose, die ihn immer anschreien.

Zum Glück gibt es im GuGy-Markt auch Beate Schmidt (Niloufar Sanei), 65 Jahre alt und Weltverbesserin. Sie versucht zu helfen, gibt ungefragt Ratschläge – und scheitert kläglich.

Nicht nur Einzelschicksale, sondern auch Beziehungen spielten sich in „24/7“ vor den Augen der Zuschauer ab. Da ist Veronika Bichanovie (Lara Sahin), die nach einem One-Night-Stand mit Wolfgang glaubt, schwanger zu sein. Blöd, dass ihre beste Freundin Susanne Wolfgangs Frau ist. Lara Sahin spielte auch die Prostituierte in der Tiefkühltruhe (ja, richtig gelesen). Die große Liebe findet sie nicht: Nach einer gemeinsamen Nacht mit dem Casanova Moe (Mohamed Boujibar) muss sie feststellen, dass auch er kein langfristiges Interesse an ihr hat.

Spaß am Leben haben Jonas (ohne Nachnamen, gespielt von Fabian Olszynski) und Chef Jürgen (Dennis Abels). Jonas lässt sich zwar leicht provozieren, genießt aber sein Ansehen. Ansonsten wirkt er entspannt. Chef Jürgen beobachtet seine Kunden und amüsiert sich über diese. Während Kassierer Müller Zeit von der LifeCard der Kunden  abbucht, bleibt Chef Jürgen auf dem Beobachterposten – spricht dabei aber auch das Publikum direkt an und bezieht die Zuschauer sehr unterhaltsam in das Stück mit ein.

Aber was passiert, wenn ein Kunde alles in seinem Leben bereut? In dieser Situation befindet sich Johannes Holzer (Younes Annouri), er ist 78 Jahre alt und hat niemanden mehr. Zumindest denkt er das. Aber anstatt seinen Sohn zu suchen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen, gibt er auf. Kassierer Müller lässt daraufhin seine LifeCard ablaufen. Endgültig.

Beängstigend ist diese letzte Szene, in der die Zuschauer die Endlichkeit des eigenen Lebens vor Augen geführt bekommen und sich fragen müssen, wer eigentlich ihr Leben steuert.

Dem Q1-Literatur-Kurs von Frau Ebel ist mit „24/7“ eine unterhaltsame und zugleich eine zum Nachdenken anregende Inszenierung geglückt, die den Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Herzlichen Glückwunsch!

Annette Gregor